FEBRUAR 2000

Herrn Architekt Müllers Verlobung

Der Deutsche macht es genau. Und wenn jemand einen Titel hat - oder was man dafür hält -, dann soll er auch damit genannt werden. Die Deutschen legen auch besonderen Wert auf ihre Titel und sie sollen alle genau genannt werden. So trifft man dann in einer deutschen Klinik nicht selten auf einen Herrn Professor Dr. Dr. Schmidt. Oft steht auch neben dem Titel das Fach, indem der- oder diejenige promoviert hat und das ist nicht immer Medizin: Dr. phil. (Geisteswissenschaft), Dr. jur. (Rechtswissenschaft), Dr. soz. (Soziologie), etc...

Damit fängt aber die Schwierigkeit an. Daß nicht alles "Titel" ist, was üblicherweise vor einem Namen steht, braucht uns hier nicht zu interessieren. "Architekt" zum Beispiel ist kein Titel, ebensowenig wie "Ingenieur", "Rechtsanwalt" oder "Apotheker"; das sind alles nur geschützte Berufsbezeichnungen, im Gegensatz zu den eigentlichen Titeln der Beamtenwelt wie "Regierungsrat", "Professor", "Inspektor" oder den Dienststellenbezeichnungen wie "Direktor" und "Präsident", die gleichfalls als Titel gelten.

Nein, die Schwierigkeiten liegen in der Grammatik. Wie baut man Titel in Sätze ein? Wann wird der Titel dekliniert, wann der Name? Wie gestaltet man Adressen mit Titeln?

Architekt Müllers Verlobung ist dasselbe wie Hans Müllers Verlobung und - grammatisch gesehen - auch nichts anderes als Professor Dr. Dr. Hans Müllers feierliche Verlobungserklärung.

Dekliniert wird immer nur der Familienname (Müller - Müllers), ganz gleich, ob ein oder mehrere Titel, eine Berufsbezeichnung, ein Vorname oder gar nichts vor dem Familiennamen steht.

Fügt man aber nun, wie es üblich ist, die Bezeichnung "Herr" hinzu, dann muß diese ebenfalls dekliniert werden: Herrn Hans Müllers Verlobung, Herrn Dr. Müllers Verlobung, Herrn Architekt Müllers Verlobung

Das ändert sich alles sofort, wenn man den Artikel verwendet. Der Artikel gehört nicht zum Namen, er kann also nur auf den Titel oder die Berufsbezeichnung einwirken; der Name wird dann nicht dekliniert.

Des Architekten Müller aufsehenerregende Verlobung, das Plädoyer des Rechtsanwalts Hansen, die Rede unseres Bürgermeisters Schulze.

Werden mehrere Titel genannt, dann wird in der Regel nur der erste dekliniert: das Plädoyer des Rechtsanwalts Dr. Hans Müller.

Geht ein "Herrn" voraus, dann wird der erste folgende Teil ebenfalls dekliniert: die Ansprache des Herrn Abgeordneten Dr. Groß.

Aber Verwandtschaftsbezeichnungen wie "Vater" und "Bruder" sind keine Namen. Sie müssen dekliniert werden: die Verlobung deines Herrn Bruders, der Brief Ihres Herrn Vaters (nicht: Ihres Herrn Vater).

Ein Sonderfall, der manchmal Schwierigkeiten macht, ist, wenn der Name nach einer Berufsbezeichnung folgt: der Unfall unseres Buchhalters, Herrn Müllers, die Rede des Rektors, Professor Dr. Lehmanns...

Schließlich noch die Behandlung von Fürstennamen, weil dies in historischen Darstellungen immer wieder vorkommt und auch bei Fachleuten Unsicherheit hervorruft, besonders bei solchen mit Beinamen:

Ohne Artikel vor dem Titel: Kaiser Karls Siege (wie: Architekt Müllers Verlobung), die Krönung Kaiser Friedrich Barbarossas.
Aber: die Krönung Kaiser Friedrich des Ersten, der Tod Herzog Heinrichs des Löwen

Mit Artikel: die Siege des Kaisers Karl, die Erinnerungen des Prinzen Max von Baden Aber: die Regierung des Königs Philipp des Zweiten.