FEBRUAR 2002

"Du" oder "Sie"?

Wenn schon diejenigen, die Deutsch als Muttersprache sprechen, oft nicht wissen, ob sie jemanden duzen oder siezen sollen, dann wird diese Frage für Nicht-Muttersprachler leicht zu einem wahren "Du-lemma". Denn obwohl viel mehr geduzt wird als vor zwanzig Jahren, kann ein "Du" am falschen Ort auch heute noch fast eine Beleidigung sein. Aus Angst ins Fettnäpfchen zu treten, wird daher oft lieber das Distanz schaffende "Sie" gebraucht. Im Englischen ist da doch vieles einfacher - man sagt oder schreibt einfach "you", wenn man "du", "Sie", "ihr" oder "euch" meint.

Anrede und Arbeitswelt

Besonders problematisch ist die Wahl der richtigen Anredeform im Rahmen professioneller Kontakte. "Du" oder "Sie" - mit welcher Anrede trifft man den richtigen Ton im Betrieb?
Diese Frage, wurde bisher im Beruf mit Blick auf die Betriebshierarchie entschieden. Eine Mitarbeiterin, ein Angestellter oder ein Azubi vermied es instinktiv, dem Chef das "Du" anzutragen. Ebenso wenig hätte dieser ohne Absprache auf das übliche "Sie" verzichtet, um nicht herablassend zu wirken. Heute gibt es leider keine so eindeutigen Verhaltensmuster mehr. Die Kriterien dafür, wann wer wen duzt, variieren von Ort zu Ort, von Branche zu Branche und von Unternehmen zu Unternehmen. In vielen Firmen setzt sich der von allgemeinen wirtschaftlichen Tendenzen unterstützte "Du-Import" mehr und mehr durch. Laut einer Umfrage duzen inzwischen mehr als 53 Prozent der Befragten, alle oder die meisten ihrer Arbeitskollegen. Trotzdem bestätigen Ausnahmen bekanntlich die Regel. Für neue Mitarbeiter, die weder Gepflogenheiten noch Unternehmensphilosophie der Firma kennen, ist es daher nach wie vor ratsam, sich an das neutrale "Sie" zu halten.

Geschäftskorrespondenz, E-Mails und Internet

Während man im Englischen, der "Muttersprache" des Internets, keine expliziten Höflichkeitsformen kennt, ist ihr Gebrauch im Deutschen unvermeidlich. Im allgemeinen gilt :

. Besonders geschäftliche E-Mails (z.B. Bewerbungen, Anfragen oder Bestellungen) sollten weiterhin wie normale Geschäftskorrespondenz per Sie verfaßt werden

. Bei "jung und dynamisch" wirkenden Unternehmen darf auch die unverfängliche dritte Person Plural verwendet werden (z.B. Könntet Ihr mir bitte mal helfen?).

. In Diskussionsgruppen, Mailinglisten und Chatforen kommt es in erster Linie auf Kommunikation und Verständnis an, weniger um die korrekte Anrede. Es ist deshalb üblich, sich per Du anzusprechen.

. Kennt man den Empfänger des E-Mails schon außerhalb des Internets, behält man einfach die bisherige Höflichkeitsform bei.

. Private E-Mails können grundsätzlich per Du geschrieben werden. Seit der Rechtschreibreform

Auch im Schriftbild hat sich der Gebrauch der Höflichkeitsformen in den letzten Jahren verändert. Nach der alten Rechtschreibung wurden alle vertrauten Anredepronomen (Du, Dich, Dir, Ihr, Euch) und ihre jeweiligen Possessivadjektive (Dein, Euer) im Singular und Plural in Briefen, Widmungen, Erlassen, Fragebögen, Mitteilungen u.ä. aus Höflichkeit groß geschreiben (z.B. Ich hoffe, es geht Euch allen gut, insbesondere Dir und Deiner Frau). Seit der Rechtschreibreform gilt die Großschreibung nur noch für die reinen Höflichkeitsformen (Sie, Ihnen, Ihr). Für die anderen Anredepronomen (du, dich, dir, dein, ihr, euch, euer) gilt seit 1998 einheitlich die Kleinschreibung.

Lili-Anne Bergs