JUNI 1999

Der Ärztekongreß und das Hühnerei

Daß ein Ei Probleme aufwerfen kann, wissen wir schon seit Kolumbus. Wo liegt nun beim Hühnerei das Problem?

Die Frage lautet: Warum heißt es Hühnerei, wenn es doch nur von einem Huhn gelegt wird? Und mit dem Taubenei, dem Entenei, dem Gänseei scheint es nicht anders zu sein. Ja, und warum heißt es Hundehütte, obwohl nur ein einziger Hund darin liegt?

Warum also stehen hier überall Pluralformen? Die Frage kann aber auch von der anderen Seite angegangen werden: Ein Kinderarzt behandelt Kinder, ein Frauenarzt Frauen. Der Augenarzt ist für die Augen da und der Hals-Nasen-Ohren-Arzt ist für Hals, Ohren und Nasen (?) da. Die Verwirrung ist komplett. Und was ist mit dem Sonnenstrahl, wir Menschen haben doch nur einen Sonne, oder? Der Ärztekongreß kann sich so nennen, das ist klar, denn an einem Kongreß nehmen viele Ärzte teil. Da kommt dann allerdings die Fuldaer Bischofskonferenz nicht mit, denn da nimmt nicht nur ein Bischof teil, sondern mehrere, und trotzdem heißt es nicht "Bischöfekonferenz".

Hier scheint also ein Prinzip gegen das andere zu stehen. Um dies zu erklären, müssen wir in die Vergangenheit zurückgehen. Dort kann man erkennen, daß die vermeintlichen Pluralendungen der Bestimmungswörter ursprünglich ganz andere Funktionen hatten. In dem -e von Hundehütte, Gänseei, Tagelohn sind z.B. verschiedene alte Vokale zusammengefallen, die in der Frühzeit unserer Sprache Kennzeichen für bestimmte Deklinationsklassen waren.

Für Wortzusammensetzungen sind zwei andere Punkte entscheidend: Einerseits werden neue Zusammensetzungen fast immer nach dem Muster älterer Zusammensetzungen gebildet, zum anderen sind die Formen der Verbindung zwischen Bestimmungswort und Grundwort seit alter Zeit die gleichen geblieben. Zwei Beispiele:

althochdeutsch: tagawerch - neuhochdeutsch: Tagewerk; althochdeutsch: sunnunlioht - neuhochdeutsch: Sonnenlicht

Die meisten heute gebräuchlichen Zusammensetzungen sind allerdings jünger als diese Beispiele. Die Neubildung von Zusammensetzungen war - und ist noch heute - ein mechanischer Vorgang. Nur die innere Bedeutung der beiden Teile prägte die Bedeutung des zusammengesetzten Wortes. So entstanden gleich gebildete Zusammensetzungen mit demselben Bestimmungswort, die aber im einzelnen ganz verschiedene Inhalte haben können:

Neben Bischofsstab (Stab des Bischofs) steht Bischofskonferenz (Konferenz der Bischöfe), neben Königsthron (Thron des Königs) steht Königstiger (ein Tiger wie ein König).

Umgekehrt haben Zusammensetzungen wie Tagewerk, Gänseblume und Hühnerei, die ursprünglich gar keinen Plural meinen, zur Bildung vieler neuer Wörter angeregt, in denen man wirklich pluralische Vorstellungen ausdrücken wollte. Daher treten heute viele erste Glieder von Zusammensetzungen sowohl in der Stammform als auch in der Pluralform auf:

Buchhandlung - Bücherstube, Gasthaus - Gästehaus, Gästebuch, Gästehandtuch, Arztpraxis - Ärztekammer, Ärztekongreß, Motorhaube - Motorenlärm

Man benutzt ein altes, längst nicht mehr gültiges Schema - auch das ist typisch für die deutsche Zusammensetzung - nämlich den vorangestellten Genitiv.

Aber all das geschieht nicht ganz ohne systematische Überlegungen. Alle Muster, die das Wörterbuch für ein Substantiv als Bestimmungswort anbietet, können bei Neubildungen verwendet werden.

Es bleibt dabei: Der pluralische Charakter eines Bestimmungswortes braucht in der Zusammensetzung nicht ausgedrückt zu werden. Doch kann es in manchen Fällen angebracht sein, eine Mehrheit von einzelnen Personen oder Dingen deutlicher zu bezeichnen, vor allem, wenn ältere Wörter schon mit einer bestimmten Bedeutung fest verbunden sind. Aus dem Hühnerei kann kein Huhnei werden. Wo solche Wörter einmal üblich geworden sind, kann man sie nicht beliebig durch andere Formen der Zusammensetzung ersetzen. Ist sie einmal entstanden und in den Sprachgebrauch eingegangen, ist jede Zusammensetzung eine feste Wort- und Begriffseinheit.