MÄRZ 2000

Was ist eigentlich ein Antonym?

Ein Antonym ist ein Gegenwort, also eines, das die entgegengesetzte Bedeutung eines anderen zum Ausdruck bringt. Einfache, gängige Wortpaare wie hoch - niedrig, groß - klein sind jedem geläufig, aber sie sind die Minderzahl und gerade wegen ihrer Landläufigkeit kein Zeichen für differenzierten und korrekten Ausdruck.

Schon bei den kombinierten Adjektiven versagt das Modell, denn wer wird das Gegenteil eines hochherzigen Menschen "niederherzig" nennen? "Niederträchtig" wäre angemessen, aber "hochträchtig" wiederum ist kein Synonym für "hochherzig", sondern bezeichnet die Kuh, die bald kalben sollÉ Auch die klassische Verneinungssilbe "un-" kann in die Irre führe. Zwar ist "barmherzig" das Gegenteil von "unbarmherzig", jedoch "tadelig" nicht das von "untadelig". Hier mu§ es "tadellos" oder "perfekt" heißen.

Natürlich haben nicht nur Adjektive ihr Gegenwort, sondern auch Substantive, Verben und Präpositionen. Besonders die Verben mit ihren schier unendlichen
Kombinationsmöglichkeiten aus Grundwort und Präfix stellen eine Herausforderung an die Fähigkeit zum treffenden Ausdruck dar - nicht nur für den deutschlernenden Ausländer.

Das Gegenteil von "lernen" ist "unterrichten" oder "vergessen", das Gegenteil von "hinbringen" ist "holen", aber auch "herbringen" bei gewechselter Perspektive. Man kann sich eine Krankheit "holen", aber nicht "bringen", sonder sie nur "übertragen" bzw. jemanden damit "anstecken". Wer sich "ansteckt", muß nicht "gelöscht" werden, wie dies beim Bezug auf das Thema "Feuer" korrekt wäre, sonder muß "geheilt" bzw. "kuriert" werden. Diese Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen.

Die bewegte Geschichte der deutschen Sprache, die jeder Deutschsprechende im täglichen Sprachgebrauch mit fortschreibt, hat also zahllose Sprachbeziehungen geschaffen, die nicht den Gesetzen formaler Logik gehorchen, sondern die unendlich vielschichtige historische Entwicklung des deutschen Kulturraums sprachlich darstellen.

Hierbei haben sich zahllose Worte mit ursprünglich gleichem Stamm in unterschiedlichen Richtungen entwickelt. Die Traditionen einzelner Berufsgruppen, Eindeutschungen aus anderen Sprachen und die Neubildungen im Zuge des technologischen Fortschritts sind nur wenige sinnfällige Gründe für diesen Prozeß.

Ein Antonym bezieht sich daher nicht nur auf eindeutige, einander ausschließende Gegensätze, sondern umfaßt im wesentlichen erweiterten Sinne auch alle die Beziehungen, die im gesellschaftlichen Alltagszusammenhang Ergänzungen, Polaritäten oder auch - vor allem bei Verben - einen Perspektivwechsel markieren.

Dieser weite Begriff des Antonyms macht deutlich, daß das Antonym wie das Synonym in ihren Bedeutungen zur Erklärung eines Stichwortes beitragen. Hier einige Beispiele :

beruflich: pvat

Entwicklung: Stillstand, Stagnation

Erfolg: Niederlage, Mißerfolg

Gleichgültigkeit: Teilnahme, Anteilnahme

Gleichheit: Ungleichheit, Unterschied

Verbrauch: Produktion