MÄRZ 2002

Zur Rolle der deutschen Sprache

Erster Teil : Die deutsche Sprache in Europa

Am 1. Juli 1996 unterzeichneten die Vertreter verschiedener europäischer Staaten eine "Gemeinsame Absichtserklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung".
Überraschend mag dabei nicht so sehr sein, daß eine solche Absichtserklärung zustande kam, sondern vielmehr, wie viele Staaten an der Unterzeichnung beteiligt waren.

In der offiziellen Ausgabe sind folgende 8 Nationen in alphabetischer Reihenfolge aufgelistet : Belgien, Deutschland, Italien, Liechtenstein, Österreich, Rumänien, die Schweiz und Ungarn. Und doch waren längst nicht alle betroffenen Länder anwesend, denn Deutsch ist die Sprache, die innerhalb der EU von mehr als 100 Millionen Deutschsprachigen in 20 verschiedenen Staaten gesprochen wird. Erstaunlich aber wahr : Deutsch ist die meistgesprochene Muttersprache der europäischen Gemeinschaft.

Der Status der deutschen Sprache innerhalb dieser verschiedenen Länder ist allerdings sehr unterschiedlich.

Deutsch als Amtssprache

Deutsch ist in fünf europäischen Staaten Amtssprache auf nationaler Ebene: in Deutschland, Österreich, Liechtenstein, der Schweiz und Luxemburg. Verwundern mag die Tatsache, daß Deutsch nur im Fürstentum Liechtenstein die landesweit einzige gesprochene Sprache ist. In den vier anderen Staaten koexistieren noch weitere Sprachen auf unterschiedlichen Ebenen. Sogar in ihrem "Mutterland" hat die Sprache Goethes ihre Monopolstellung verloren: In der früheren Bundesrepublik Deutschland gab es keine weitere Amtssprache, auch nicht auf regionaler Ebene. In der ehemaligen DDR hingegen galt das westslawische Sorbisch im Gebiet um Bautzen und Cottbus eine regionale Amtssprache. Im Einigungsvertrag wurde der Status des Sorbischen dann als regionale Amtssprache übernommen, so daß er seit der Wiedervereinigung auch im heutigen Deutschland gilt.

In zwei weiteren europäischen Staaten ist Deutsch eine regionale Amtssprache, das heißt, daß sie nur in einer bestimmten Region und nicht im ganzen Staatsgebiet als Amtssprache verwendet wird. Dies ist der Fall in Ostbelgien und in Südtirol.

Deutsch als Minderheitensprache

Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Gebieten, in denen das Deutsche Minderheitensprache ohne amtlichen Status ist. Man spricht in solchen Fällen auch von Sprachinseln. Das Siebenbürgische in Rumänien und das Rußlanddeutsche sind typische Beispiele. Hierzu ist zu erwähnen, daß es nicht von der Zahl der Sprecher abhängt, welcher Status der Sprache verliehen wird. So gibt es in Belgien weitaus weniger Deutschsprachige als in manchen anderen Ländern, und dennoch hat Deutsch dort einen offiziellen Status bekommen.

Deutsch im Herzen Europas

Deutsch ist auch die Sprache, die im geographischen Zentrum Europas die größte Verbreitung hat und vielfältige Verflechtungen mit ihren Nachbarsprachen aufweist. Das deutsche Sprachgebiet grenzt an 14 andere Sprachgebiete mit dem größten Bevölkerungsanteil in Europa.

Außerdem nimmt sie nach wie vor eine bedeutende Stellung als Wissenschafts- und Bildungssprache ein und hat in den letzten Jahrzehnten weiter an Bedeutung als Wirtschafts- und Berufssprache gewonnen. Tendenz steigend.