MAI 2001

Das Wort - die Wörter - die Worte

Eine Sprache besteht aus Wörtern. Und von Wörtern soll hier die Rede sein: von ihren Formen, von ihrer Bildung und von ihrem richtigen Gebrauch.

Von Wörtern wollen wir also sprechen, nicht von Worten. Die beiden Pluralformen werden oft verwechselt. Und dabei hat ihnen der Sprachgebrauch doch ganz verschiedene Bedeutungen zugewiesen. - Was ist denn ein Wort? Was sind Wörter, was sind Worte?

Jedes Wort ist eine selbständige Einheit, die aus Lauten besteht und eine bestimmte Bedeutung oder zum mindesten eine Funktion in der Sprache hat. Das Ineinanderwirken von Lautform und Bedeutungsgehalt ist so stark, daß wir auch Wortformen, die erheblich voneinander abweichen, als Ausprägungen ein und desselben Wortes erkennen und akzeptieren: denken - ich dachte; schneiden - er schnitt; du stehst - wir standen; gut - besser - am besten. Ja, es wird uns nicht einmal bewu§t, da§ etwa die Wörter bin - seid - war ganz verschiedene Stämme enthalten. Wir gebrauchen sie unbefangen als Formen des einen Zeitworts "sein".

Hier zeigt sich also schon ein erster Unterschied: Die Wörter im Satz, die wir beim Sprechen und Schreiben je nach Bedarf in dieser oder jener Form verwende, sind etwas anderes als die Wörter im Wörterbuch. Wer z.B. die Häufigkeit von Wörtern feststellen will, muß erst einmal die gebräuchlichen Wortformen (die Wörter im Text) zählen. Erst wenn er weiß, wie oft "ist", "war", "sind", "sei" usw. In einem Text vorkommen, kann er sagen, welche Häufigkeit das Zeitwort "sein" in diesem Text hat. Und dabei muß er noch die Fälle ausscheiden, in denen "sein" das Possessivpronomen ist.

So sind also "Wort" und "Wort", sind "Wörter" und "Wörter" als Begriffe nicht das gleiche. Nur eines haben sie gemeinsam: Wo die Mehrzahlform Wörter gebraucht wird, da sind immer die einzelnen Lautgebilde gemeint:

Es gibt lange, kurze, ein- und mehrsilbige, groß und klein geschriebene Wörter, schwierige, neue,
veraltete, geläufige, drastische, derbe, unanständige Wörter. Man kann Wörter zählen, buchstabieren,
einsetzen oder streichen. Die Wörter "Beat" und "Sound" sind aus dem Englischen entlehnt worden.

Ist dagegen das Wort als Träger eines Sinnes gemeint, dann tritt im allgemeinen die Pluralform Worte ein:

Die Worte "Frieden" und "Freiheit" werden oft mißbraucht. "Freizeit" und "Mitbestimmung" sind zentrale Worte der modernen Gesellschaft.

Könnte man hier im letzten Beispiel auch Wörter sagen, so ist das nicht mehr möglich, wenn Wort im Sinne von "Ausspruch, Äußerung, zusammenhängender Text" gebraucht wird. Hier ist nur der Plural Worte möglich:

Er richtete ein Paar freundliche Worte an die Besucher. Seine Worte werde ich nie vergessen.
In wenigen Worten informierte er uns.

Aber Ausnahmen gibt es natürlich auch: Das Sprichwort, das doch ein Ausspruch ist, hat den Plural Sprichwörter, und das Lösungswort (die militärische Parole) hat gewöhnlich den Plural Lösungsworte.

Zwei Plurale hat z.B. Stichwort: Im Lexikon und Wörterbuch werden die Stichwörter erläutert und vom Benutzer aufgesucht. Den Text eines Referats aber kann man nur in Stichwörter notieren, d.h. in Bruchstücken des Ganzen. Auch der Schauspieler, der auf sein Stichwort wartet, hat sich die Endworte seines Partners als Stichworte, nicht als Stichwörter, im Rollenmanuskript notiert.