NOVEMBER 2001

Kinderleichte Wortbildung des Adjektivs

Die Kompositionsfreudigkeit der deutschen Sprache - d.h. die starke Neigung, Zusammensetzungen zu bilden - zeigt sich auch im Adjektivbereich. Viele Adjektivkomposita bleiben nur Augenblicksbildungen, andere werden lexikalisiert, d.h. sie werden zu festen Bestandteilen des Wortschatzes. Dafür müssen sie aber die schwere Aufnahmeprüfung des Dudens bestehen, d.h. sie müssen von einer ausreichenden Anzahl Menschen über einen langen Zeitraum hinweg gebraucht und damit alltäglich werden, bis man eine echte Sprachentwicklung feststellen kann. Eine solche Entwicklung vollzieht sich momentan beispielsweise auch auf einem anderen grammatischen Gebiet: der Einleitung von Kausalsätzen mit dem Wort "weil" folgt heute oft ein Hauptsatz statt eines Nebensatzes. Allerdings hört man solche Sätze bisher nur, ein offiziell korrekter Teil der Schriftsprache sind sie noch nicht. Trotzdem meinen viele schon heute, dass diese neue Konstruktion es ebenso in den Duden schaffen wird wie der Dativ, der mittlerweile teilweise an Stelle des Genitivs erlaubt ist.

Beliebte Kompositionstypen sind die Zusammensetzungen Substantiv + Adjektiv:

halsfern, preisgünstig, daumendick, strukturelastisch, erntefrisch, säurefest, parteioffiziell, glasklar, verkaufsoffen, grasgrün, ellenlang, handwarm, eiskalt, kerngesund, todkrank.

Auch die Gebrüder Grimm haben sich schon diese Wortbildung zu Nutze gemacht: ihr Märchen "Schneeweißchen und Rosenrot" bedient sich ebenfalls der Zusammensetzung Substantiv (Schnee bzw. Rosen) + Adjektiv (weiß bzw. rot). Der Diminutiv "-chen" bringt hier neben dem Bedeutungselement "klein" auch Merkmale wie "vertraut" zum Ausdruck, die eine besondere gefühlsmäßige Einstellung oder persönliche Verbindung beinhalten, in diesem Fall Erinnerungen an die Kindheit. Substantive auf -chen sind heute häufiger als solche auf das ursprünglich oberdeutsche -lein.

Weitere Varianten sind

Substantiv + 1. Partizip: wasserabweisend, wetterbestimmend, abendfüllend, gesundheitsschädigend, parteischädigend, satzschließend.

Substantiv + 2. Partizip: sonnengereift, eisgekühlt, gasvergiftet, glasfaserverstärkt, wertgemindert, schaumgebremst, unfallgeschädigt, schulentlassen.

Diese Flut von Adjektivkomposita ist verschiedentlich von sprachpflegerischer Seite kritisiert worden - nicht immer zu Recht, denn Bildungen dieser Art stellen ein wirkungsvolles Mittel der Ausdruckskürzung dar (Der Kühlschrank hat türbreite Fächer / Fächer, die so breit sind wie die Tür) und können eine stilistische Bereicherung sein (Diese Generation ist fernsehmüde / des vielen Fernsehens müde / vom vielen Fernsehen müde). Nicht nur die Werbung, auch Industrie und Wissenschaft bedienen sich dieser Wortbildungsmöglichkeit, weil sie sich vor die Aufgabe gestellt sehen, komplizierte Vorgänge und Sachverhalte in knapper Form sprachlich zu bewältigen.

Im Übrigen sind diese Arten der Wortbildung keineswegs neu. Früher waren sie vor allem im dichterischen Bereich üblich: früchteschwer, unheilschwanger, herzbewegend, himmelschreiend, freudestrahlend, unheildrohend, siegestrunken, unheilgefasst, unglückverfolgt, herzbetrübt.

Wurden früher weitgehend Stimmungen und Gefühle auf diese Art dichterisch eingefangen, so werden heute mit den gleichen Mitteln sachliche Aussagen gemacht. Selbst die Adjektivkomposita, die einen Vergleich enthalten und im Allgemeinen eine schmückende Funktion erfüllen, wie z.B. taufrisch, hauchzart, grasgrün, werden von der Sprache der Technik zur sachlichen Aussage verwendet, z.B. körperwarmes Wasser, eine handtellergro§e Entzündung.

Kopplung

Auch die Kopplung von zwei Adjektiven gehört zu den Möglichkeiten, den Adjektivbestand zu vergrößern. Durch die Kopplung soll eine besondere Wirkung oder Stimmung hervorgerufen werden, vor allem dann, wenn inhaltlich entgegengesetzte Adjektive miteinander verbunden werden:
schaurig-schön, melancholisch-heiter, bitter-süß, süß-sauer.

Solche Kopplungen werden ebenfalls gern in dichterischer Sprache verwendet: ein grausam-süßes Lächeln, Herr v. Pasenow wurde … wie ein Vorgesetzter mit schmal-steifer Verbeugung … begrüßt (Broch). Sie können durch die Verschmelzung beider Wortinhalte eine bestimmte schillernde, schwebende Vorstellung erzeugen und dadurch die Aussage bereichern.