NOVEMBER 2002

Deutsch ist nicht gleich Deutsch

Wenn es einem endlich gelungen ist mit viel Fleiß, Ausdauer und Mut die bekanntlich schwer zu erlernende Muttersprache Goethes zu beherrschen, dann möchte man natürlich seine so bitter erkämpften Deutschkenntnisse auch irgendwann in einem deutschsprachigen Umfeld auf die Probe stellen. Zuversichtlich begibt man sich also während eines Deutschlandurlaubs in die nächste Bäckerei um nun endlich einmal mit einem richtigen Einheimischen ins Gespräch zu kommen. “Können sie mir bitte drei Brötchen verkaufen?”.
Antwort des Bäckers: “Moana Sie Semmln?”. Fazit: Der erste Versuch ist kläglich gescheitert und der fleißige Deutschstudent vermutlich am Boden zerstört.

Von den vielfältigen Erscheinungsformen einer Sprache

Hier gibt es drei mögliche Erklärungen: Entweder man ist im falschen Land, die Lehrer haben einem die falsche Sprache beigebracht, oder aber man spricht gar kein Standard-Deutsch in Deutschland. Das stimmt natürlich auch nicht, aber manchmal klingt es halt schwäbisch, mal kölsch, mal sächsisch und, wenn es einen ganz hart trifft, eben bayerisch - als wenn die deutsche Sprache an sich für Lernende nicht schon kompliziert genug wäre.
Wenn so etwas geschieht, dann liegt das meistens daran, dass man auf einen der vielen deutschen Dialekte gestoßen ist. Die Quellen widersprechen sich, aber die offiziellen Zahlen schwanken zwischen 50 und 250. Was die genaue Bestimmung so schwierig macht, ist die präzise Definition des Begriffs Dialekt. Erstaunlich ist diese sprachliche Vielfalt aber eigentlich nicht, wenn man bedenkt, dass im Mittelalter in dem Teil des heute deutschsprachigen Europas ausschließlich die vielen Dialekte der verschiedenen germanischen Stämme nebeneinander koexistierten. Eine gemeinschaftliche deutsche Sprache entstand bekanntlich erst viel später Sprachforscher teilen die verschiedenen Erscheinungsformen einer Sprache in drei Hauptkategorien ein: Dialekt/Mundart, Umgangssprache, und Hochsprache/Hochdeutsch.
Aber sogar die besagten Sprachforscher sind sich nicht besonders einig, sobald es gilt eine Trennlinie zwischen den verschiedenen Kategorien zu ziehen. Dialekte bestehen zum Beispiel beinahe ausschließlich in der Form gesprochener Sprache, was es natürlich besonders schwierig macht zu sagen, wo der eine aufhört und der nächste anfängt. Der Begriff Mundart drückt dies ja schon auf besonders deutliche Weise aus.

Verständigungsschwierigkeiten zwischen Deutschsprachigen

Die Sprachwissenschaftler mögen ja streiten, aber jeder, der schon einmal das Plattdeutsch des Norden des Landes oder das Bairische des Südens gehört hat, weiß was ein Dialekt ist. Und das zählt genauso für jeden der mehr als einen Tag in Österreich oder der Schweiz verbracht hat.
Alle Deutschlernenden lernen Hochdeutsch oder Standard-Deutsch. Dieses Hochdeutsch kann schon eine gewisse regionale Färbung aufweisen, was aber nicht mit einem Dialekt zu verwechseln ist: österreichisches oder schweizerisches Deutsch klingt anders als z.b. in Hamburg, aber jeder kann den anderen ohne weitere Probleme verstehen (die Unterschiede sind hier weit weniger ausgeprägt, als die zwischen dem britischen und amerikanischen Englisch Wenn zwei Deutsche dasselbe meinen, sagen sie nicht immer das gleiche.
Deutsch ist nicht gleich Deutsch, je nachdem, ob man aus Siebenbürgen, aus Bayern, Schwaben oder von der Waterkant kommt.

Grundsätzlich unterscheidet man 6 große Dialektfamilien die sich geographisch von Norden nach Süden ausstrecken: Friesisch, Niederdeutsch, Mitteldeutsch, Fränkisch, Alemannisch und Bairisch-Österreichisch. Eine Art diese großen Unterschiede zwischen den verschiedenen Dialekten aufzuzeigen, ist es, die verschiedenen Wörter zu vergleichen, die für ein dasselbe Ding gebraucht werden. Nimmt man zum Beispiel das Wort Mücke, so kann man die folgenden Begriffe in den verschiedenen Dialekten und Regionen wiederfinden: Gelse, Moskito, Mugge, Mücke, Schnake, Staunze.. Wer aber jetzt glaubt, der bereits sehr umfangreiche Deutsche Wortschatz versechsfache sich systematisch, der irrt. Wer wird denn gleich aus einer Mücke einen Elefanten machen!