OKTOBER 2002

Man(n) spricht Deutsch – Frau auch!

Die Diskussion bezüglich der verschiedenen linguistischen Empfehlungen zur sprachlichen Gleichbehandlung von Frauen und Männern, ist nun schon seit vielen Jahren ein sowohl aktueller, als auch sensibler Streitpunkt. Noch immer wird das Anliegen oft entweder als unwesentlich bezeichnet oder erbittert bekämpft, umgangen oder konsequent ignoriert.
Gleichzeitig wird die Forderung nach einer Sprache, die Männer und Frauen gleichermaßen sichtbar macht, immer lauter. Weshalb diese ganze Aufregung?

Warum ist geschlechtergerechtes Formulieren wichtig?

„Bereits um 1840 schrieben Mathematiker die ersten Computerprogramme".
Formulierungen wie diese lassen zuallererst an Männer denken. Dass Frauen einen wesentlichen Beitrag auf diesem Gebiet leisteten, wird auf Grund der männlichen Personenbezeichnung „Mathematiker", die Frauen sprachlich nicht sichtbar macht, häufig vergessen. So bleibt in diesem Beispiel unerwähnt, dass um 1840 das allererste Computerprogramm von der Mathematikerin Lady Ada Lovelace geschrieben wurde. Ist das ein unwichtiges Detail? Nicht wirklich, denn: Sprache prägt auch unser Denken. Oder wussten Sie etwa, dass unter den "Vätern des Grundgesetzes" vier Frauen waren?

Denken Sie an Frauen, wenn von den Leistungen der "Männer der ersten Stunde" die Rede ist? Fühlt sich eine Frau angesprochen bzw. darf sie sich angesprochen fühlen, wenn in einem Inserat ein Verkaufsleiter oder ein Chefarzt gesucht wird? Dabei gibt es wirklich genügend Strategien, Personen zu benennen, ohne Auskunft über ihr Geschlecht zu geben.

Verschiedene Möglichkeiten

Die folgenden Vorschläge dienen als Hilfestellung beim Verfassen geschlechtergerechter Texte. Die hier vorgeschlagenen Schreibweisen orientieren sich an einem praxisnahen Sprachverständnis und an ihrer möglichst einfachen Umsetzbarkeit in Texten.

1. Vollständige Paarform: Bei der vollständigen Paarform erfolgt die Verbindung der weiblichen mit der männlichen Form mittels Konjunktion. z.B. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer treffen sich um 12.00 Uhr.

2. Verkürzte Paarform:. Bei dieser Variante der Doppelnennung werden die weibliche und männliche Form eines Wortes nebeneinander gestellt und durch einen Schrägstrich voneinander getrennt. z.B.
Die Verantwortung trägt die Prüferin / der Prüfer.

3. Zusammenziehen mit Schrägstrich: Personenbezeichnungen, deren weibliche und männliche Formen sich nur durch ihre Endung unterscheiden, können aus sprachökonomischen Gründen zu einem Wort zusammengezogen werden. Lassen Sie zur Probe den Schrägstich weg: es muss sich ein grammatikalisch korrektes Wort ergeben! z.B. der/die Vertragsassistent/in.

4. Zusammenziehen mit dem Binnen-I oder Großbuchstaben: Das groß geschriebene "I" im Wortinneren oder Großbuchstaben am Wortende bieten sich als weitere Möglichkeit der Zusammenziehung der weiblichen und männlichen Form einer Personenbezeichnung bei all jenen Wörtern an, deren weibliche Form auf "-in" endet. Die Großschreibung im Wortinneren bzw. am Wortende entspricht zwar nicht den geltenden Regeln der neuen Rechtschreibung, hat aber dennoch bereits Eingang in diverse Gesetze (z.B. ArbeitnehmerInnenschutzgesetz) und in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden. z.B. der/die StudentIn.

5. Geschlechtsneutrale Personenbezeichnung: Bei diesen Wörtern ist weder in der Einzahl noch in der Mehrzahl erkennbar, ob es sich dabei um weibliche oder männliche Personen handelt. z.B. die Person, das Mitglied, die Bürokraft.

6. Geschlechtsneutrale Pluralbildung: Während das Geschlecht einer Person in der Einzahl durch den Artikel und/oder aus der Endung ersichtlich ist, ist es im Plural nicht mehr erkennbar. z.B. die Lehrenden, die Institutsangehörigen.

7. Bezeichnung der Funktion, des Amts oder einer Gruppe: Anstatt sich auf konkrete Personen zu beziehen, wird deren Funktion, Amt oder Gruppenzugehörigkeit benannt. z.B. das Institut, die Referatsleitung, das Projektteam.

8. Adjektiv statt männlicher Personenbezeichnung: z.B. Rat des Arztes wird umformuliert zu: ärztlicher Rat. Plädoyer für eine größere Präzision bei der Bezeichnung von Personen

Konsequent geschlechtergerechtes Formulieren stellt hohe Anforderungen. Sowohl die Textsorte als auch der Inhalt und der Zweck des Schriftstückes haben natürlich einen Einfluss auf die Wahl der Personenbezeichnungen. Es sollte auch bedacht werden, dass nachträgliche Umformulierungen die Lesbarkeit der Texte eventuell beeinträchtigen.
Deshalb muss man das breite Angebot an Lösungsmöglichkeiten möglichst kreativ anwenden können. Derselbe Sachverhalt lässt sich fast immer auf verschiedene Arten ausdrücken. Am erfolgreichsten ist das Formulieren geschlechtergerechter Texte, wenn die verschiedenen besprochenen Möglichkeiten je nach Kontext sinnvoll miteinander kombiniert werden. Diese Variationsbreite lässt auch dem persönlichen Stilempfinden großen Raum. Das Ergebnis sind stilistisch einwandfreie und geschlechtergerecht verfasste Texte, die jeder Kritik die Stirn bieten können.