SEPTEMBER 1999

Sein einzigster Fehler

Diesmal stimmt die Überschrift nicht. Man muß es deutlich sagen, denn so einzig ist der Fehler gar nicht. Man hört ihn sogar recht häufig, nur geschrieben kommt er seltener vor.

Natürlich kann einzig nicht gesteigert werden; "einziger" als einzig, das geht nun einmal nicht. Die erste Vergleichsform, den Komparativ, gebraucht denn auch niemand. Aber die zweite, den Superlativ? Hier will man möglichst deutlich sein, lieber zu viel als zu wenig. Und da einzig sowieso oft verstärkend gebraucht wird (er hat nur einen einzigen Anzug), bietet sich der Superlativ geradezu an:

Sein einzigster Anzug, ihre einzigste Freude, nur ein einzigstes Mal möchte ich das sehen!

Das ist nicht ein Fehler unserer Zeit. Dieser Superlativ kommt aus der volkstümlichen Sprache. Der einzige erscheint eben vielen als zu schwach und nicht deutlich genug. Nur so läßt sich auch eine Stelle aus Goethes Briefen verstehen:

Gute Nacht, Engel. Einzigstes, einzigstes Mädchen, und ich kenne ihrer viele!

Auch wenn hier einzig kein Zahladjektiv ist, sondern im übertragenen Sinne von einmalig, unvergleichlich gemeint ist: Einziges, einziges Mädchen würde doch dasselbe sagen. Daß es eine ganze Anzahl von Adjektiven gibt, die keine Vergleichsformen zulassen, haben wir in der Schule gelernt. Wörter wie tot, stumm, nackt, endgültig, viereckig, schriftlich gehören dazu, weil ihre Bedeutung einen Gradunterschied ausschließt. Ebenso kann man die Stoffadjektive hölzern, eisern, golden u.a. nicht steigern. Man kann aber sagen:

Er ist noch hölzerner (steifer) als sein Bruder. Er hat es mit eisernstem Fleiß zu einem gewissen Wohlstand gebracht.

Auch bei anderen Adjektiven kommt es darauf an, ob sie im eigentlichen Sinn oder in einer abgewandelten Bedeutung gebraucht werden:

Wenn die Flasche voll oder leer ist, kann sie nicht voller oder leerer sein.
Aber ein Glas kann ich etwas voller gießen, und das Kino kann auch noch leerer sein als gestern, als auch nur einige Reihen besetzt waren.

Es existiert die Meinung, daß die Farbadjektive schwarz und weiß nicht gesteigert werden könnten. Diese Wörter bezeichnen aber genausowenig absolute Werte wie grün, blau oder rot.

Daß weiße Wäsche noch weißer werden kann, wissen wir nicht erst durch die Waschmittelreklame. Nur in bestimmten Zusammenhängen sind Farben festgelegt, in der Wappenkunde und durch amtliche Bestimmungen im Verkehr. Darum sagt auch der Fahrlehrer scherzhaft vor der Ampel zum Fahrschüler: "Fahren Sie los, es ist grün, grüner geht's nicht."

Keine Vergleichsformen aber gibt es für Adjektive wie rosa, lila, beige, orange, bleu. Das hat formale Gründe, denn diese Wörter, die zumeist aus fremdsprachigen Substantiven hervorgegangen sind (meistens aus dem Französischen), dürfen in der Hochsprache auch nicht gebeugt werden, sie bleiben immer unverändert. Notfalls muß man umschreiben.

Dieses Kleid ist heller, dunkler, schwächer, kräftiger orange als das andere.

Zu den obengenannten Adjektiven, die einen Gradunterschied ausschließen, gehören auch einige deutsche Wörter und Fremdwörter, die bereits einen höchsten oder geringsten Grad bezeichnen, z.B. erstklassig, maximal, total, minimal, extrem und auch voll in der Bedeutung "völlig". Sie werden gelegentlich gesteigert, weil dem Sprecher oder Schreiber die Bedeutung des Fremdwortes nicht bewußt ist oder weil er die Gradangabe noch verstärken will:

So spricht man von minimalstem Verschleiß, von der totalsten Verwirrung, von extremsten Gegensätzen oder auch von erstklassigster Ware und vollster Zufriedenheit.

Solche Superlative sind stark vom Gefühl bestimmt und man sollte sie in der gepflegter Sprache nach Möglichkeit vermeiden. Sie zeigen uns aber zum Schluß noch einmal, wie vielschichtig der Bereich der Vergleichsformen ist. Wer hier nach Regeln verfahren will, der muß auch immer sein Sprachgefühl zu Rate ziehen.