SEPTEMBER 2002

Modekrankheit Superlativitis

Eigentlich ist die Bildung von Steigerungsformen innerhalb der deutschen Sprache weder ein besonders weltbewegendes, noch ein sonderlich kompliziertes Unterfangen. Es gilt lediglich einige elementare Regeln zu beachten und schon kann man die unterschiedlichen Gradabstufungen einer Eigenschaft nuanciert und präzise ausdrücken.

Steigerungsformen leicht gemacht

Adjektive verfügen bekanntlich über drei Steigerungsformen: Positiv, Komparativ und Superlativ. Mit dem Superlativ gibt man an, dass bei einem Vergleich von mindestens drei Personen, Dingen oder Sachverhalten eine Einheit den höchsten Grad der Eigenschaft beansprucht. (Herr Schmitz ist der jüngste Mitarbeiter in der Firma.) Werden nur zwei Personen, Dinge oder Sachverhalte miteinander verglichen, wählt man nicht den Superlativ, sondern den Komparativ. Wenn der Superlativ nicht als Beifügung zu einem Nomen (der jüngste Mitarbeiter) oder als Gleichsetzungsglied (Dieser Mitarbeiter ist der jüngste.) verwendet wird, setzt man am vor den Superlativ (Dieser Mitarbeiter ist am jüngsten). Der Superlativ kann z.B. durch aller-, bei weitem, weitaus, denkbar verstärkt werden. Herr Schmitz ist der allerjüngste / bei weitem der jüngste / weitaus der jüngste Mitarbeiter. Sehr viel mehr braucht man bezüglich der Adjektive eigentlich nicht zu wissen.
Der höchste Grad einer bestimmten Eigenschaft kann aber auch durch den Gebrauch des bestimmten Artikels (Das ist die Lösung) oder einen Genitiv (das Programm der Programme) ausgedrückt werden. Außer den Steigerungsformen der Adjektive hat die deutsche Sprache allerdings noch andere Möglichkeiten in petto, um Vergleiche herzustellen und Höchstwerte anzugeben. Man kann beispielsweise Adverbien einsetzen, die den Grad angeben. Andererseits hilft auch oft die Wortbildung weiter, wobei die folgenden Beispiele für Höchstwerte natürlich eher der mündlichen Alltags- und Umgangssprache zuzuordnen sind: saukalt, megagünstig, obercool, supertoll.

Die Ausnahmen, die die Regel immer öfter bestätigen

Wo Regeln sind, können die unumgänglichen Ausnahmen nicht weit sein...... Einzelne Adjektive können nämlich nicht gesteigert werden, wie zum Beispiel tot, einzig, einmalig, ganz, usw. Und gerade was diese eigentlich unsteigerbaren Adjektive angeht, ist der eigentliche Sprachgebrauch - wie so oft - gerade dabei, alle etablierten Regeln umzustellen. Fragt man sich zum Beispiel, ob es eine Steigerungsform von Adjektiven wie optimal oder aktuell gibt, muss die Antwort streng semantisch gesehen eigentlich „nein“ lauten: Optimal ist schließlich schon das Optimum und aktueller als die Gegenwart kann man auch nur schwer sein... Und doch finden sich im tatsächlichen praktischen Sprachgebrauch durchaus Formulierungen wie "die optimalste Lösung" oder "die aktuellsten Neuigkeiten". Handelt es sich hier um sprachliches Unvermögen bzw. um sprachliche Nachlässigkeit? Oder hat sich auch hier die allgegenwärtige Werbesprache wie schon so oft in der Umgangssprache breit gemacht?
Der inflationäre Gebrauch bestimmter Adjektive wie "optimal" oder "aktuell" (es gibt sicher noch weitere) zB. in der Werbebranche, PR usw., führt dazu, dass der Sprecher sich mehr oder weniger bewusst darüber ist, dass dort übertrieben wird, bzw. dass die Bedeutungsspannen ziemlich "gedehnt" werden. Da gilt dann auch eine nicht unbedingt tatsächlich optimale Lösung als optimal und etwas, was nicht im engen Wortsinn aktuell ist, als aktuell. Da bleibt dem Sprecher, wenn er etwas „wirklich“ optimales oder aktuelles beschreiben will, eigentlich keine andere Wahl als es zu steigern ... und redet daher von der optimaleren oder gar optimalsten Lösung für ein Problem oder von den aktuelleren oder gar aktuellsten Neuigkeiten.

Der Trend zur Superlative

Erleichtert wird diese Phänomen zusätzlich dadurch, dass es sehr leicht ist, Steigerungsformen dieser Adjektive zu bilden, die sich auch korrekt anhören. Und dem allgemeinen Trend entsprechend stört sich niemand mehr daran; den problemlosen Umgang mit Superlativen lernt man heute schließlich durch die Existenz von Kilo-, Mega- und Gigabytes bereits im Kindesalter. Wer denkt sich heute noch etwas, wenn er "Super Plus"-Benzin tankt oder "Ultra"-Waschmittel in „Megaperls-Form“ kauft. Die immer häufiger auftretende Superlativitis ist also sozusagen eine typische Krankheit der modernen Konsumgesellschaft, die leider „extremste“ Auswirkungen auf unseren aktuellen Sprachgebrauch hat...